Marlies.

Wenn ich an Marlies denke, dann denke ich an ihre Schuhe. Silbern waren sie, wie von einem Popfan der alten Schule. Grell gefärbte Haare dazu. Und eine Art, die Leichtigkeit ausstrahlte. Bei all ihren Problemen, die sie hatte, wirkte sie oft so wunderbar unkonventionell, gelöst, ein wenig wie von einem andern Stern – und das mit über 70. Sie war die Grand Dame unseres Wohnzimmers und verkörperte Mülheim und all seine Widersprüche. Wenn sie mit uns Essen kochte, Kartoffeln schälte, verschmitzt lächelnd. Wenn sie im Laden saß mit einem Kölsch in der Hand. Wenn sie spontan sagte: „Ihr braucht nen Topf? Ich habe noch einen großen, den schenke ich Euch, ohne Euch esse ich doch eh immer allein.“ Den Topf haben wir bis heute. Und das gemeinsam Erlebte: Ihr Flohmarktstand in ihrer Wohnung, mit Elvis-Platten (Erstpressungen dabei!), mit Tinnef und mit Wunderbarem. Die Besuche bei ihr, das Abgründige, das hinter all dem Schönen lauerte.

Marlies verschwand irgendwann aus unserm Blick. Weil wir als beymeister die Leute nicht festhalten wollen, ihnen die Freiheit geben, zu kommen, wann sie wollen – und eben auch nicht zu kommen, wenn ihnen das gerade passt. Gelegentliche Treffen auf der Straße blieben, kurze Gespräche übers Leben, über die alltäglichen Probleme, über Kinder und Elternsein, über die Rente und das, was bleibt. 

Nun haben wir erfahren: Marlies ist gestorben. Ein halbes Jahr schon ist das her. Denn auch das ist Mülheim: unübersichtlich und manchmal doch zu anonym. Marlies, auch wenn Du lange nicht bei uns warst: Du gehörtest irgendwie dazu, hast unserm Laden eine zusätzliche Note verliehen, Du Frau ohne Alter in den Silberschuhen. Wir wünschen Dir Ruhe nach Deinem bewegten Leben. Mach es gut!